Wenn du den Faden verlierst, der Weg wieder zurück zu dir
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Es gibt diese Momente, die kein Plan vorhersieht. Ein Gespräch, das eine unerwartete Wendung nimmt. Eine Situation, die dich mehr berührt, als du erwartet hast. Ein Prozess – im Coaching, in der Körperarbeit, im Unterricht, im eigenen Leben – der plötzlich Tiefen öffnet, für die es kein Skript gibt.
Und dann: Du merkst, wie du abtauchst. Der Faden, an dem du dich eben noch orientiert hast, ist weg. Der Kontakt zu dir selbst – zu deinem Boden, deinem Atem, deiner Klarheit – löst sich auf. Was bleibt, ist oft ein Gefühl von Überforderung, manchmal leise Panik, manchmal einfach: Leere.
Das ist kein Zeichen von Unprofessionalität. Es ist eine sehr menschliche, sehr gut erforschte Reaktion.
Ich habe vor einiger Zeit über das Window of Tolerance geschrieben.
Der Psychiater Daniel Siegel prägte den Begriff des Window of Tolerance, jenes Bereichs, in dem wir Reize verarbeiten können, ohne in Übererregung oder Erstarrung zu kippen. Wird dieser Bereich verlassen, schaltet das Nervensystem, so beschreibt es Stephen Porges in seiner Polyvagal-Theorie, auf ältere, automatische Überlebensmuster um:
Kampf, Flucht oder Einfrieren. Rational denken, präsent bleiben, den Faden halten; all das wird in diesem Zustand neurobiologisch schwerer, nicht weil dir etwas fehlt, sondern weil dein System auf Schutz umschaltet.
Und wenn du mit Menschen arbeitest, kennst du das sicher, ob als Coach, Körpertherapeutin, Yogalehrer, Atembegleiterin. Vermutlilch kennst du diesen Moment doppelt:
als eigene Reaktion und als Resonanz auf das Gegenüber. Genau deshalb lohnt es sich, dafür nicht nur Verständnis, sondern konkrete Wege zurück zu haben.

Drei Strategien, um wieder bei dir anzukommen
1. Orientierung über den Körper, nicht über den Kopf
Wenn der Faden reißt, hilft selten das Nachdenken darüber, was gerade passiert ist, dafür ist der präfrontale Cortex in diesem Moment schlicht schlechter erreichbar. Wirksamer ist der Weg über den Körper: bewusstes Spüren der Füße am Boden, ein paar Atemzüge, die länger ausatmen als einatmen, ein Blick, der im Raum umherwandert und drei konkrete Dinge benennt, die er sieht.
Diese Technik der somatischen Orientierung (bekannt aus der Somatic Experiencing-Arbeit von Peter Levine) signalisiert dem Nervensystem: Ich bin hier. Jetzt. Sicher.
Ein Tropfen eines erdenden ätherischen Öls, bewusst an den Handgelenken oder unter der Nase eingeatmet, kann diesen Anker zusätzlich unterstützen: Duft wirkt über das limbische System besonders direkt auf Emotion und Erinnerung. Ein Grund, warum ich mit Ölen als bewusstem Ritual arbeite, nicht als Zufallszutat.
Schau einmal hier meine Lichtmomente Kits - wenn dich daraus etwas anspricht, schreibe mir eine Nachricht.
2. Benennen, was ist – ohne es zu bewerten
Der Neurowissenschaftler Daniel Siegel bringt es auf die Formel „Name it to tame it“:
Allein das innere oder äußere Benennen eines Zustands „Ich merke, ich bin gerade nicht mehr ganz da", aktiviert Hirnregionen, die regulierend wirken, und schwächt die Dominanz der emotionalen Reaktion ab. Wichtig ist dabei die Haltung: Es geht nicht um Selbstkritik, sondern um nüchterne, freundliche Beobachtung.
Ich erlaube mir zu beobachten. Nicht zu urteilen.
Ein einfacher Satz kann reichen: „Das ist gerade viel. Das darf so sein."

3. Ein bewusster Rückkehr-Ritus statt sofortiger Weiterarbeit
Aus der Lernforschung wissen wir: Übergänge gelingen besser mit einer bewussten Zäsur statt mit nahtlosem Weitermachen. Ein kurzer, wiederholbarer Ritus: drei tiefe Atemzüge, ein festgelegtes Wort, eine bestimmte Handbewegung, ein Duft, den du immer wieder in ähnlichen Momenten nutzt. All das schafft einen verlässlichen Ankerpunkt, den dein System mit der Zeit lernt und schneller erkennt.
Diese Wiederholbarkeit ist entscheidend: Ein Ritual wirkt nicht durch Zufall, sondern durch die Verbindung, die sich über wiederholte Erfahrung bildet.
Für die Arbeit mit anderen Menschen bedeutet das auch: Sich diesen Moment bewusst zu erlauben, bevor der Prozess weitergeht, statt aus Zeitdruck oder Anspruch sofort weiterzumachen, obwohl der Kontakt zu dir selbst noch nicht wiederhergestellt ist.
Zum Schluss
Den Faden zu verlieren ist kein Fehler im System. Es ist dein System selbst, das auf Überforderung reagiert. Die Fähigkeit, die wirklich zählt, ist nicht, das nie zu erleben, sondern den Weg zurück zu kennen: über den Körper, über ehrliches Benennen, über einen kleinen, verlässlichen Ritus.
Probiere dich aus, diese drei Wege zu üben. Für dich selbst und im Umgang mit den Menschen, die du begleitest. Vielleicht gewinnst du etwas Wertvolles: die Gewissheit, auch in unvorhergesehenen Tiefen wieder bei dir anzukommen.
Wenn du magst, freue ich mich über deine Erfahrungen - hast du Lust mir zu schreiben?
Deine Emilie




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